Der Hamburger Jugendserver

Fussball WM 2022 in Katar

Unsere Gedanken zur Fussballweltmeisterschaft

 

Katar

Ein Land kleiner als Schleswig-Holstein mit nur rund 300.000 Staatsangehörigen. Der Rest der 2,7 Millionen Einwohner:innen sind Arbeitsmigrant:innen, also Menschen, die aus beruflichen Gründen über eine gewisse Zeit in Katar leben.

Heiß, trocken, unglaublich reich und umstritten. Schließlich wird Katar mit Organisationen in Verbindung gebracht, die als terroristische Organisationen eingestuft sind, dazu gehören Islamisten wie die Muslimbruderschaft. Diese Organisationen wollen mit dem Islam Politik machen, diese steht im Widerspruch zu wichtigen demokratischen Grundsätzen. Auch unterstützt Katar die Hamas im Gazastreifen. Die Hamas ist eine Partei mit dem Ziel, Israel als eigenständigen Staat aufzulösen. Als einziges Land der Welt hat Katar der Taliban – eine weitere terroristische Gruppe - ein Büro gestellt. Gleichzeitig existiert in Katar der größte US-Stützpunkt im Nahen Osten.

Quelle und weitere Infos hierzu auf tagesschau.de

Eine absolute Monarchie, in der fast alle, die etwas zu sagen haben, der Familie Thani angehören. Ein autoritäres Land, in dem die männliche Vormundschaft herrscht und die Scharia das Fundament vieler Gesetze ist. Die Scharia ist die alte islamische Gesetzgebung und beinhaltet strenge Regeln für alle Lebensbereiche. (Quellen: Wikipedia, laenderdaten.info und auswärtiges Amt)

Zum Islamismus findet ihr auf hanisauland weitere Infos.

 

Der Emir Tamim bin Hamad Al Thani will die WM austragen, koste es was es wolle.

Der Emir ist der Chef in Katar, dem als absoluter Monarch niemand reinreden darf. Weltweit sichtbar sein und glänzen, anerkannt werden, jenseits vom Gas und den Konflikten mit Saudi-Arabien und Iran, abseits der Wüste und dem schlechten Image. Das ist ein großes Ziel der herrschenden Elite. Eine riesige PR-Aktion sollte her. Und ein Mittel dafür war, ein absolutes Großereignis wie die Fußball-WM der Männer ins eigene Land zu holen. Denn diese kann man sich kaufen, die Stadien und die Infrastruktur, die es braucht, sowieso.  (Quelle: Das Erste – Dokumentation „Geld.Macht.Katar“ vom 20.9.2022)

 

Die korrupte FIFA und die Vergabe der WM

Über die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft entscheidet die FIFA, der Weltverband des Fußballs. Hier kommen die Interessensvertreter:innen der verschiedenen Ligen, die Funktionäre, zusammen und stimmen ab. 2010 gab es überraschend eine Doppelvergabe für 2018 und 2022. Die erste ging an Russland und die zweite an Katar. Viele hatten mit den sich noch im Rennen befindlichen USA gerechnet und nicht mit dem kleinen Emirat. Doch wie sich herausstellte, war die FIFA zu diesem Zeitpunkt schon durch und durch korrupt, und Katar hatte das Geld und den Einfluss. Von Korruption wird gesprochen, wenn eine berufliche Stellung oder ein öffentliches Amt zum eigenen Vorteil missbraucht wird. Erst 2015 kam dann der Kollaps der FIFA. Es gab Razzien, Festnahmen (auf Antrag durch die US-Strafverfolgung) und Anklagen unter anderem wegen Korruption, Betrug und Geldwäsche. (Quelle: anstageslicht.de - Wie das korrupte System der FIFA ins Wanken gerät. Und welche Rolle der Funktionär Chuck BLAZER spielt)

 

Nichtsdestotrotz geht die WM bald los. Und zwar am Sonntag, den 20 November, mit dem Eröffnungsspiel vom Gastgeber Katar gegen Ecuador.

Die erste WM im Nahen Osten, die erste WM in einem arabischsprachigen Land. Wird es Änderungen bei der FIFA geben? Was passiert danach in Katar bezüglich der folgenden Punkte? Welches Projekt wird sich Katar als nächstes leisten?

Was damals bei der Vergabe der Weltmeisterschaft kaum eine Rolle spielte, ist heute ein viel diskutiertes Thema: Die Menschenrechte. Egal ob Meinungsfreiheit, Rechte von Frauen, LGBTIQ*-Communities oder Arbeitsschutz. In fast allen Kernthemen rund um die Menschenrechte schneidet Katar nicht gerade gut ab. Darauf gehen wir später im Artikel noch ein.

Und auch im Hinblick auf den Klimawandel und die damit verbundenen Forderungen nach nachhaltigen Sportevents wird die Vergabe der WM nach Katar kritisiert. Die sehr hohen Temperaturen im Wüstenstaat erfordern, trotz der Verlegung der WM in die Wintermonate, sehr energieaufwendige, voll klimatisierte Stadien.

Es gibt Mannschaften der teilnehmenden Länder, die sich positionieren. Dänemark z.B. trägt vom Ausrüster Hummel stark reduzierte Trikots mit der Begründung: „Wir wollen nicht sichtbar sein bei einem Turnier, das Tausenden Menschen das Leben gekostet hat“ (hummelsport auf twitter am 28.09.2022)  hummel Sport auf Instagram: „With the Danish national team’s new jerseys, we wanted to send a dual message. They are not only inspired by Euro 92, paying tribute to…“

 

Der DFB hat angekündigt, dass unter anderem die deutsche Nationalmannschaft in Katar mit einer neuen Kapitänsbinde auflaufen wird, „um ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen“. Auf der Kapitänsbinde abgebildet sind ein buntfarbiges Herz und die Aufschrift „One Love“. Die bunten Farben sollen Vielfalt symbolisieren. "One Love": DFB-Kapitän trägt Binde gegen Diskriminierung :: DFB - Deutscher Fußball-Bund e.V.

Besonders intensiv hat sich der australische Fußballverband mit dem Thema auseinandergesetzt. Dort haben die Spieler sich schon seit längerer Zeit mit den Menschenrechtsverstößen auseinandergesetzt und vorletzte Woche dieses Video veröffentlicht.

 

Arbeitsmigrantinnen/Arbeitsmigranten

Erst nach der Vergabe an Katar erfuhr die breite Öffentlichkeit von dem in Katar verwendeten „Kafala-System“. Das Kafala- oder auch Bürgschaftsystem regelt u.a. die Aufenthaltsgesetze. Jeder Arbeitsmigrant, jede Arbeitsmigrantin muss einen Bürgen, eine Bürgin haben. Das sind oft die Arbeitgeber:innen oder aber auch Menschen aus der Bevölkerung. Vorwürfe gibt es deshalb, weil diese Bürger:innen die Pässe der ausländischen Arbeiter:innen, die meist aus Indien, Bangladesch oder Pakistan stammen, einbehalten haben sollen und somit einen Jobwechsel oder die Ausreise verhindern konnten. ¹

Es gab auf den Baustellen der WM-Stadien unregulierte Arbeitszeiten in sengender Hitze. Viele Arbeiter:innen lebten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen in Arbeitscamps oft ohne Trinkwasser und Stromversorgung. Es gab Misshandlungen und Vergewaltigungen, Schlaf- und Essensentzug und fehlende medizinische Versorgung im Krankheitsfall. Dazu wurden Löhne nur unregelmäßig oder gar nicht gezahlt. ¹Europäische Medien gehen von mindestens 6.500 Toten allein auf den WM Baustellen aus.

 

LGBTIQ*-Community

Die englische Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen, intergeschlechtliche sowie queere Menschen. Das Sternchen ist Platzhalter für weitere Identitäten und Geschlechter.

Die Rechtslage für Angehörige der LGBTIQ*-Community in Katar steht weiterhin in der Kritik. Vertreter:innen der LGBTIQ*-Community raten von einer Reise nach Katar ab. Homosexualität ist in Katar nach wie vor per Gesetz verboten, die Strafen sehen Auspeitschen, Inhaftierung oder sogar die Todesstrafe vor² - wobei letztere, zumindest nach Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen, bislang nicht vollstreckt worden ist. Gleichgeschlechtliche Ehen und Partnerschaften werden in Katar nicht anerkannt.

Erst am 08.11.22 sagte der katarische WM-Botschafter Khalid Salman: „Er habe vor allem Probleme damit, wenn Kinder Schwule sähen. Denn diese würden dann etwas lernen, was nicht gut sei. In seinen Augen sei Schwulsein "haram, eine Sünde" und es sei ein geistiger Schaden." (Katarischer WM-Botschafter: Salman nennt Homosexualität "geistigen Schaden" | tagesschau.de)

Schwule, lesbische und queere Fans können dort nicht hinreisen und von sich sagen, dass sie bei Freunden zu Gast sind, dass sie dort willkommen sind, und auch wer sich bei Initiativen und Aktionen der LGBTIQ*-Bewegung engagiert, macht sich strafbar. Dazu könnte auch schon das Zeigen von Regenbogenflaggen gehören. ²

 

Frauen in Katar

Laut Human Right Watch (Katar: Menschenrechtsverletzungen beflecken WM-| Human Rights Watch (hrw.org)) gibt es in Katar vielfältige Formen männlicher Vormundschaft, die Frauen beim Heiraten, Arbeiten, Studieren und/oder Reisen massiv diskriminieren. ¹ 

Tatsächlich studieren in Katar mehr Frauen als Männer.  ¹ Leider sieht das danach auf dem Arbeitsmarkt aber anders aus. In der Politik betont die katarische Regierung, rechtliche Gleichstellung für Frauen erreichen zu wollen ¹

Da die FIFA bei der Vergabe der WM verlangt, das Mädchen- und Frauenfußball in dem Land gefördert werden sollte, gründete Katar 2010 eine Frauennationalmannschaft, die auch ein Spiel gegen Bahrain bestritt. 2019 stellte der Spiegel aber fest, dass das Frauennationalteam nicht mehr in der FIFA-Weltrangliste geführt wird, weil es mindestens 18 Monate kein offizielles Spiel absolviert hatte.

 

Das verschollene Frauen-Team: Wie Katar die Fußball WM 2022 bekam - ZDFmediathek

 


 

Wäre ein Boykott eine Lösung gewesen?

Sport wird oft als eine Brücke gesehen, und tatsächlich schaut jetzt die Welt wie mit einem Spotlight auf Katar. Die Menschenrechtsverletzungen wären ohne die WM wahrscheinlich gar nicht bekannt geworden, und ein paar Fortschritte im Arbeitsrecht bei den Migrationsgruppen wurden inzwischen erreicht.

In Katar wurde der erste Mindestlohn der Region eingeführt. Es gibt jetzt eine Schiedsstelle für Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und einen Entschädigungsfond bei ausbleibendem Lohn. ³

Seit 2020 benötigen Arbeiter:innen keine Ausreisegenehmigung mehr, und sie sollen ihre Verträge leichter ändern können, aber die Befürchtung bleibt, dass es nicht ausreichend Kontrollen für die Umsetzung der neuen Gesetze geben wird. ³

Human Rights Watch und Amnesty International haben von einem Boykott der Mannschaften zur WM abgeraten. Genannte Verbesserungen in Sachen Menschenrechte und Gleichstellung sind aus demokratiegedanklicher Sicht ja wünschenswerte Entwicklungen. Das zarte Pflänzchen, welches in den letzten 10 Jahren entstanden ist, sollte daher gehegt und gepflegt werden. Alle Blicke sind nun auf Katar gerichtet, und durch Hinsehen, Benennen und Fordern haben wir die Chance, Druck auf die dortigen Entscheider und Machthaber auszuüben.

 

„Ich will keine WM im Winter, bei der so viele Menschen beim Bau der Stadien starben.“

Wir als Konsument:innen haben eine Macht. Es wird kaum Public Viewing angeboten: Viele Kneipen und Klubs lehnen eine Übertragung der Spiele, trotz hoher Einnahmeverluste, ab.

Wir können alle nur hoffen, dass durch die neugeschaffene kritische Öffentlichkeit in Zukunft mehr auf Menschenrechte und Nachhaltigkeit im Rahmen von Vergabepraxis und Austragungsorte gelegt wird.

 

Quellen und weitere Infos auch unter:

¹ Infoaktuell der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Katar: Katar | bpb.de
² Themenblätter im Unterricht - Sport und Politik Sport und Politik | bpb.de
³ Buch: Ronny Blaschke /  Machtspiele (Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution)
Boykottaufruf von Fußballfans Boykott der WM 2022 in Katar | boycott-qatar

 

Zusammengestellt von Lars und Annett

 

Bildnachweis:

Bild 1 Doha - jatocreate auf pixabay

Bild 2 Millerntorstadion: JIZ privat

Bild 3 Sticker: JIZ privat

 

 

 

top