Der Hamburger Jugendserver

Sein im Nichtsein

Das Thema Exil als Theaterstück zu inszenieren war für zwölf Schülerinnen und Schüler des Wirtschaftsgymnasiums Gropiusring eine große Herausforderung. Sie stellten sich ihr - mit Erfolg.

Flüchtlinge, die dem Terror und Krieg in ihren Heimatländern entkommen sind, wollen über Grenzen hinweg in Sicherheit gelangen. In ein sicheres Land wie Deutschland. Doch vor ihnen sitzen zwei Grenzbeamte, jeder von ihnen auf einer Leiter. Von der obersten Sprosse schauen die Uniformierten auf die Flüchtlinge herab und signalisieren: Ihr kommt hier nicht so einfach rein. Szenen aus dem Tanztheaterstück „Sein im Nichtsein" des Wirtschaftsgymnasiums Gropiusring. Zwölf Schülerinnen und Schüler aus dem Kursus „Darstellendes Spiel" haben das Stück über Zuwanderung und Exil zusammen mit Lehrer Olaf Bublay und Tanzpädagogin Irinell Ruf erarbeitet und auf die Bühne gebracht.

Als Olaf Bublay zu Beginn des Kurses vorschlug, die Thematik um Bleiberecht, Illegalität und Zuwanderung als Theaterstück zu inszenieren, „schien das den meisten von uns extrem schwierig darstellbar", erinnert sich Aref Babaei-Mehr (20), dessen Eltern aus dem Iran stammen. Doch das Thema ist hochaktuell - auch auf dem Wirtschaftsgymnasium im Stadtteil Steilshoop.

Denn hier gibt es eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern, die ihr Heimatland unter dramatischen Umständen verlassen mussten, so wie der Abiturient Bahram Rahimi. Er war mit seiner politisch verfolgten Familie aus Afghanistan in einer dreijährigen Odyssee zu Verwandten nach Deutschland geflohen. „Mittlerweile ist er eingebürgert und hat sein Abitur erfolgreich abgeschlossen", berichtet Olaf Bublay.

Der Lehrer ließ sich von Bahram und seiner Familie alles über deren Flucht erzählen und schlug seinem Kurs vor, diese Fakten als Grundlage zu nehmen. „Mit dieser Geschichte im Hintergrund wollten wir die Herausforderung annehmen", erklärt Hamouda Chabbi (20), der ursprünglich aus Tunesien kommt. Die Gruppe startete im August 2006, recherchierte weiter zum Thema und schrieb die einzelnen Szenen. Sie entwickelten das Stück als Beitrag für das von der Hamburger Weichmann-Stiftung ausgeschriebene Schulprojekt „Exil - aus Sicht der Hamburger Schüler". „Das bedeutete für uns, auf einen konkreten Aufführungstermin im November hinzuarbeiten", erinnert sich Hamouda.

Das Stück beginnt mit Zitaten aus Bahrams Bericht. Die Familie floh in den Iran, „wo ein Afghane als Mensch 2. Klasse gilt", weiß Aref. Nach fast einem Jahr bekamen sie endlich ein Visum für die Ukraine mit Transiterlaubnis über die Türkei. Dort wurde der Zug von PKK-Rebellen überfallen, so dass die Familie in der Türkei strandete. Später scheiterten mehrere Versuche über die tschechische Grenze nach Deutschland zu den Verwandten zu kommen. Als es ihnen endlich gelang und sie hier Asyl beantragten, folgten weitere Jahre der Unsicherheit und Angst vor Abschiebung, bis Anwälte schließlich eine Anerkennung erstritten. „Dieses und viele andere Beispiele, die wir recherchiert haben, zeigen, dass es nicht einfach ist, nach Deutschland zu kommen", sagt Flüchtlingsdarsteller Hamouda. „Und es ist für jeden einzelnen schwer, die eigene Heimat zu verlassen", ergänzt Aref, der einen der Grenzbeamten spielt.

Diese Zerrissenheit vermittelt die Flüchtlingskarawane im Stück der Wirtschaftsgymnasiasten eindrucksvoll. In kurzen Einschnitten berichten die Geflohenen von ihren Schicksalen, versinken anhand von Erinnerungsstücken in Gedanken an ihre Heimat und sind andererseits den feindseligen Fragen der Grenzbeamten ausgesetzt. „Viele Zuschauer waren von unserer Darstellung berührt", erzählt Hamouda. Der Kurs führte das Stück am 23. November 2006 zum ersten Mal in der Schule vor 350 Schülerinnen und Schülern auf. Weitere Aufführungen folgten im Körber-Forum und im Januar 2007 beim Jugendtheater-Festival „Mächtige Tage" im Ernst Deutsch Theater. „Auf einer Bühne mit professioneller Ausstattung zu stehen, war für uns besonders spannend", berichtet Aref. Die Nachwuchs-Schauspieler, die inzwischen alle ihr Abitur gemacht haben, sind an ihrer Arbeit gewachsen. „Ich habe jetzt mehr Verständnis für das, was Flüchtlinge durchmachen", sagt Hamouda, dessen Vater als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

Bei ihrer Theateraufführung im November sammelten die Schülerinnen und Schüler 275 Euro. „Die haben wir dem Verein ‚Fördern Sie heute für morgen' gespendet", sagt Aref. Ehemalige Schülerinnen und Schüler des Bildungszentrums in Steilshoop hatten den Verein gegründet, um sich in Afghanistan mit Bildungsprojekten zu engagieren.
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