Der Hamburger Jugendserver

Corona im Knast. Ein Bericht von innen.

Ein Artikel von St.Pauli und Jack T

 

Corona im Knast – ein Bericht von innen

Ein Artikel von St. Pauli und Jack T (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand).

Corona bedeutet seit einem halben Jahr Einschränkungen für alle. Doch wir Strafgefangenen in der JVA erfahren tagtäglich, das vieles nicht mehr möglich ist, was uns das Leben im Strafvollzug ein bisschen leichter gemacht hat – und davon möchten wir gerne erzählen:

Wir dürfen weniger Besuch von Freunden und unseren Familien - also von weniger Personen als vorher - bekommen. Vor Corona war es möglich, von unseren Familien besucht zu werden. Wir konnten uns anschauen, umarmen, küssen und von Angesicht zu Angesicht sprechen. Die, die Kinder haben, konnten vor der Corona-Zeit ihr Kind umarmen, küssen oder mit ihm zusammen in der Besucherecke spielen, da es dort extra für solche Besuche auch Spielzeuge oder Stifte und Papier gab. Seit den Corona-Einschränkungen gibt es diese Eltern-Kind-Besuche leider nicht mehr. Die Väter sehen ihre Kinder also nicht und können deswegen ihre Vaterrolle vorerst nicht weiter ausüben. In der Vaterrolle sollte man für sein Kind da sein und gemeinsam etwas mit ihm unternehmen können – was mit den Corona-Einschränkungen zur Zeit nicht möglich ist. Die Besuche finden jetzt mit einer Trennscheibe statt. Pro Gefangenem und Trennscheibe dürfen zwei Leute zu Besuch kommen, die Kinder dürfen wegen der Ansteckungsgefahr nicht dabei sein. Die Besucher sitzen in einem Raum und die Gefangenen sitzen hinter der Scheibe in einem anderen Raum. Man kann sich nicht mehr normal unterhalten – das geht nur noch mit Funkgeräten. Man kann seinen Besuch nicht mehr umarmen oder küssen, und das schadet der Bindung zur Familie oder zur Frau noch zusätzlich, weil es sowieso in der JVA schon kaum zu schaffen ist, eine Beziehung oder familiäre Bindungen draußen aufrecht zu erhalten, da man die Menschen kaum sieht und den Kontakt schwer halten kann. Sowas fehlt aber, denn das gibt Kraft, erleichtert den Tag und hilft, einen klaren Kopf zu behalten.

Wir können zwar grundsätzlich ein Handy bekommen, um unsere Familien anzurufen. Aber das ist kein Ersatz für die Besuche von Freunden oder der Familie - man möchte sich natürlich viel lieber sehen. Die U-Haft- Gefangenen haben durch das Haftstatut gar keine Möglichkeiten, ein Handy zu bekommen. Stattdessen gibt es für sie einen sogenannten „Telio“-Automaten, ein fest installiertes Telefon auf dem Gang, wo jeder die Gespräche mithören kann. Und es ist auch sehr teuer: Eine Minute aufs Festnetz kostet z.B. 0,07€ und auf Mobilfunk 0,27€. Teuer ist es für uns aus dem Grund, dass wir hier nur maximal 300 Euro im Monat verdienen. Das Gehalt wird eingeteilt, damit man nach der Entlassung noch etwas Geld für das Leben draußen hat.

Für die Strafgefangenen gibt es Handys, die den fehlenden Besuch etwas ersetzen sollen. Diese bekommt man am Abend beim Einschluss um 18:30 Uhr, und morgens beim Aufschluss um 6:30 Uhr gibt man sie wieder ab. Die Handys bekommt man täglich – was wiederum vor Corona nicht möglich war.

Der Sportunterricht fand zeitweise gar nicht oder nur draußen statt, was je nach Wetter auch manchmal nicht möglich ist, weil sich in der Sporthalle nicht alle gleichzeitig aufhalten können. Für viele Gefangene ist Sport aber sehr wichtig, um fit zu bleiben und mal aus der Zelle raus zu kommen.

In anderen Hamburger JVAs ist geplant, ab Ende September wieder Besuche von mehreren Personen zuzulassen, aber in der JVA Hahnöfersand wird das erstmal nicht der Fall sein, dass normale Besuche ohne Trennscheibe stattfinden können. Vorerst ist hier also auch noch nach 6 Monaten keine Lockerung der Maßnahmen in Sicht. Und das, obwohl draußen immer weiter gelockert wird und in den JVAs ohnehin schon strengere Regeln und Einschränkungen herrschen. Zum Beispiel sind in der JVA Hahnöfersand keine Langzeitbesuche möglich – im Gegensatz zu anderen Anstalten. Dafür bekommt man für sich und seine Frau/Freundin für vier Stunden einen Raum mit einem Sofa oder Bett zur Verfügung gestellt. In diesem Raum gibt es auch eine Küche – man kann sich dort also gemeinsam etwas kochen - und einen Fernseher. In diesem Raum kann man ohne Überwachung Sex haben. Wir würden uns wünschen, dass es diese Möglichkeit auch in unserer Anstalt geben sollte, zum Beispiel für Gefangene ab 18 Jahren.

Wir hoffen, dass alle – wir und unsere Familien - die Pandemie gut überstehen, und wir bald wieder normale Besuche haben können. Es gibt sonst wenig, was einen ein bisschen aufbaut, außer Zigaretten und dem wöchentlichen Einkauf, den Handys und dem Trennscheibenbesuch. Aber uns hält aufrecht, dass wir draußen Freunde und Familie haben, die für uns da sind.
 


Bildnachweis: Zeichnung © Cherik/JVA Hahnöfersand
Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

top