Der Hamburger Jugendserver

Rosa Parks sagt NO!

Die Wirkmacht des Einzelnen und ziviler Ungehorsam.




 

Hand aufs Herz, wie oft denkst du: "Was kann ich alleine schon ausrichten?" Selbst dann, wenn du eigentlich überzeugt bist, dass etwas ungerecht oder falsch ist. Aber aus Bequemlichkeit, Verunsicherung oder Angst unternimmst du nichts dagegen.

Dieses Verhalten ist nur allzu verständlich. Denn gegenüber furchteinflößenden Situationen (oder Menschen), den komplexen politischen Prozessen, Konzernen, einer schier unendlichen Informationslandschaft und gebräuchlichen Denk- und Lebensweisen ("Das war doch schon immer so.") fühlt man sich oft klein und als einzelne Person so gar nicht wirkmächtig.
 


Und doch gibt es Vorbilder, die Mut machen, sich - und sei es erst einmal alleine - für seine Überzeugungen einzusetzen. So postierte sich zum Beispiel die damals 15-jährige Greta Thunberg erstmals im August 2018 alleine vor dem Schwedischen Reichstag. Nur mit einem selbst gebastelten Pappschild in der Hand wollte sie öffentlich auf den dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf den Klimawandel aufmerksam machen. Innerhalb kürzester Zeit erwuchs aus ihrer Aktion eine weltweite Klimaschutz-Bewegung: Fridays for Future.
 


Aus der Geschichte sind viele solcher Vorkämpferinnen und Vorkämpfer bekannt. Zum Beispiel die US-Amerikanerin Rosa Parks (1913-2005). Sie lebte in Montgomery, der Hauptstadt des Bundesstaates Alabama und arbeitete als Näherin. Am 1. Dezember 1955 fuhr sie nach der Arbeit mit dem Bus nach Hause und weigerte sich, ihren Sitzplatz für eine andere Person freizumachen. Sie wurde daraufhin verhaftet. Warum? Weil Rosa Parks schwarz war.

In den Südstaaten der USA herrschte zu dieser Zeit eine gesetzlich verankerte Rassentrennung für alle Teile des öffentlichen Lebens. So auch in Verkehrsmitteln wie den Bussen. Es gab Sitzplätze, die ausschließlich für weiße bzw. schwarze Fahrgäste reserviert waren und Plätze, auf denen Schwarze so lange sitzen durften, bis Weiße diese für sich beanspruchten. Auf einem solchen Platz saß Rosa Parks. Als der Busfahrer sie aufforderte, den Sitzplatz zu räumen, weigerte sie sich. Sie sagte schlicht :"NO!"; ruhig aber entschieden. Und weil sie damit gegen ein geltendes Gesetz verstieß, wurde sie von der Polizei abgeführt.

Nicht strafbar, völlig gewaltlos, aber sehr wirkungsvoll, war die Aktion, die der Verhaftung von Rosa Parks folgte: Bis zur Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln boykottierten die afro- amerikanischen BewohnerInnen in Montgomery die städtischen Busse. Sie gingen zu Fuß, fuhren mit dem Fahrrad und organisierten Fahrgemeinschaften. Die Verkehrsgesellschaft erlitt massive Umsatzverluste und musste viele Busfahrer entlassen. Vor allem nahmen aber die Boykottierenden selbst viele Unannehmlichkeiten in Kauf, um sich gegen die sie betreffenden Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Ein Jahr später hob das Bezirksgericht in Montgomery die Rassentrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Nun hatte jeder Fahrgast, ungeachtet seiner Hautfarbe, freie Platzwahl.
 


Rosa Parks war nicht die Erste und Einzige, die Widerstand gegen ungleiche und rassistische Zustände leistete. Doch ihr Akt des zivilen Ungehorsams brachte das Fass zum Überlaufen. Die Aktion mobilisierte sehr viele MitstreiterInnen im gewaltlosen Kampf für Gleichberechtigung und lies die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in einem Ausmaß aufflammen, das Jahre später zur offiziellen Abschaffung der Rassentrennung in den USA führte.

Einer der bedeutendsten Bürgerrechtsaktivisten war Martin Luther King. Er setzte sich bereits vor Rosa Parks "Nein" am 1.12.1955 für den gewaltlosen Widerstand gegen die Rassentrennung in den USA ein, war bis dahin aber noch recht unbekannt. Sein Engagement im Busboykott von Montgomery weitete seinen Bekanntheitsgrad sowie seinen Einfluss enorm aus. Die von ihm 1963 mitorganisierte  Massendemonstration, der "Marsch auf Washington", mit über 200.000 TeilnehmerInnen ging in die Geschichtsbücher ein. Seine dort gehaltene Rede "I have a dream" ist auch heute noch berühmt. Barak Obama, der 2008 der erste afro-amerikanische Präsident der USA wurde, bezog sich in seiner Antrittsrede auf diese Rede von Martin Luther King.
 


 

Nun leben wir in Deutschland zum Glück schon seit Jahrzehnten nicht mehr in einem autoritären Regime, sondern in einer ziemlich stabilen Demokratie. Wenn wir mit einem gesellschaftlichen Umstand nicht einverstanden sind, haben wir das im Grundgesetz festgeschriebene Recht, unseren Unmut öffentlich äußern zu können, unter anderem in Form von friedlichen Demonstrationen bzw. Versammlungen. Ohne befürchten zu müssen, dafür verhaftet zu werden.



Etwas anders sieht das mit der speziellen Protestform des zivilen Ungehorsams aus. Die Akteure wissen, dass sie mit ihrer Aktion ein Gesetz oder eine Verordnung übertreten. Doch sie nehmen eine mögliche Strafe in Kauf, weil ihnen alle legalen Protestmöglichkeiten ausgeschöpft und wirkungslos erscheinen. Ihr Anliegen ist politisch-moralisch motiviert, betrifft nicht nur sie selbst, sondern das Gemeinwesen. Die Aktion ist angekündigt und - ganz wichtig - sie verläuft absolut gewaltlos.

Die SchülerInnen, die bei den Fridays for Future-Demos mitmachen, bewegen sich also in einer rechtlichen Grauzone. Sie dürfen zwar legal demonstrieren. Wenn sie dafür aber die Schule schwänzen, verstoßen sie gegen die Schulpflicht und begehen damit zivilen Ungehorsam. Die Aktionen bleiben jedoch meist straffrei, solange der Protest die Demokratie an sich nicht in Frage stellt, gewaltlos bleibt, nicht rassistisch oder anderweitig diskriminierend motiviert ist; wenn also die Grund- bzw. Menschenrechte nicht verletzt werden, sondern - im Gegenteil - deren Einhaltung eingefordert wird.

In seinem Video Abdelkratie - Widerstand und Protest erklärt Abdel Karim all das genauer auf verständliche und witzige Weise: www.bpb.de/lernen > Abdelkratie folgen
 


Aber auch ohne große öffentliche Aufmerksamkeit kannst du die Welt, in der du gerne leben möchtest, aktiv mitgestalten. Mehr Fahrrad oder mit Öffis fahren; weniger Fleisch essen; weniger fliegen; sich ehrenamtlich engagieren; Klamotten länger als eine Saison tragen; Geräte benutzen, bis sie kaputt sind (und nicht austauschen, nur weil ein neueres Modell cooler ist); auf recyclebares Verpackungsmaterial achten; einschreiten, wenn jemand gemobbt wird; Menschen, die einem fremd sind, erst einmal mit Neugier anstatt mit Ablehnung zu begegnen ... Das sind nur wenige Beispiele, wie man sich auch als einzelne Person einmischen kann, ohne gleich in die Politik zu gehen.

Das mag zunächst unbequem klingen, aber vielleicht entflammst du durch dein Handeln andere Menschen, es dir gleichzutun. Rosa Parks einzelner, mutiger Akt schlug ja auch eine riesige Welle, die Jahrzehnte später dazu beitrug, dass Barak Obama Präsident der USA werden konnte.
 


Weitere Infos und Quellen
Buch-Tipp: "Der Bus von Rosa Parks" von Fabrizio Silei und Maurizio A.C. Quarello, Bonn 2016 (italienische Originalausgabe 2011)

Bundeszentrale für politische Bildung:
Politik einfach erklärt: "Gemeinsam mehr erreichen", Absatz über zivilen Ungehorsam
www.bpb.de

"Klimaproteste. Warum ziviler Ungehorsam gut für die Demokratie ist."
https://netzpolitik.org

"Aufrechter Gang: Zivilcourage im Alltag" (Der Bürger im Staat, Heft 3/2011)
darin: "Ziviler Ungehorsam und gewaltfreie Aktion" von Günther Gugel, S. 157-163
Link zum kostenfreien PDF: www.buergerimstaat.de

 


Text: Sabina aus der JIZ-Redaktion
Bildnachweise: Rosa Parks © Unseen Histories on Unsplash; Demonstration (There is no planet B) © bravajulia/Adobe Stock; alle anderen Bilder © JIZ Hamburg

 

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