Der Hamburger Jugendserver

Grabgeflüster

Der Totenmonat November und der Día de los Muertos in Mexiko

 

Sich zu gruseln übt oft eine schaurig schöne Faszination auf uns aus. Solange wir wissen, dass es sich nur um ein phantasiertes Szenario wie in Filmen, Büchern oder Computerspielen handelt, können wir den Thrill genießen. Der Tod (bzw. die Andeutung des Todes) sowie Friedhöfe sind dabei beliebte Stilmittel, um Gänsehaut zu erzeugen. Und Halloween wird ja auch in Deutschland immer beliebter.
 




Doch wie ist es, wenn wir ganz real mit dem Tod konfrontiert werden?
Wenn wir plötzlich mit dem unumkehrbaren Verlust von Familienangehörigen oder Freunden umgehen müssen? Das ist dann ein ganz anderes Erlebnis als in einer Geschichte. Wie geht Trauern überhaupt?

enlightenedWenn du gerade selbst von einer solchen Situation betroffen und völlig durch'n Wind bist: Auf unserem Jugendserver findest du Anlaufstellen in Hamburg, wo du Unterstützung erhalten kannst.
www.jugendserver-hamburg.de > Trauer

 


Zunächst sind Trauern und Gedenken sehr persönliche Vorgänge. Jeder Mensch tut dies auf eigene Art und bei jedem Verstorbenen auf eine neue Weise. Gleichzeitig ist der individuelle Umgang mit dem Tod sowohl von der Gemeinschaft, in der man lebt, geprägt, als auch in kollektive Trauer- und Gedenkhandlungen eingebettet.


Es gibt unzählig verschiedene Bestattungs- und Gedenkrituale auf der Welt. Jedes Ritual ist Ausdruck einer anderen Vorstellungswelt von Tod und Sterben und somit der uralten Beschäftigung mit existenziellen Fragen.



Was ist der Tod?
Wie endgültig ist er? Die Auffassung, dass der Mensch eine Seele hat, kommt vermutlich auf dem gesamten Erdball vor. Aber wie eng ist die Seele an das körperliche Dasein gebunden? Was passiert mit den Seelen der Verstorbenen? Existiert ein Jenseits, ein Leben nach dem Tod oder nicht? Wenn ja, wie sieht es dort aus und wie absolut ist die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten gezogen? Welchen Einfluss haben die Verstorbenen und ihr (geistiges, emotionales wie materielles) Vermächtnis auf die Hinterbliebenen? Sind es nur Erinnerungen, durch die die Toten nicht in Vergessenheit geraten? Oder haben sie als eine Art Geistwesen tatsächlich Wirkkraft auf die Lebenden?

Diese und noch weit mehr Fragestellungen formen den Umgang mit dem Tod und damit auch die Art und Weise zu leben, ganz gleich, in welchem Teil der Welt du beheimatet bist. Ob über den Tod offen gesprochen wird oder ob alles, was damit zu tun hat, verdrängt und tabuisiert wird, hängt unter anderem damit zusammen, welchen Stellenwert eine Gesellschaft der Vergänglichkeit beimisst. Werden Altern und Tod als natürlicher Teil des Lebenszyklus akzeptiert, vielleicht sogar wertgeschätzt oder verehrt? Oder bestimmt Jugendlichkeit das gesellschaftliche Ideal?
 


In ihrem Buch "Wo die Toten tanzen - Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird" geht die junge amerikanische Bestatterin Caitlin Doughty all diesen Fragen nach. Einfühlsam und zugleich unterhaltsam schildert sie die unterschiedlichsten Bestattungensweisen und Gedenkzeremonien, die sie in mehreren Ländern der Welt kennenlernen durfte, und ordnet diese in die jeweiligen kulturellen Hintergründe ein. (Das Buch kannst du in den Bücherhallen ausleihen.)
 


Wie ist das bei dir? Warst du bereits in der Situation, irgendwie mit dem Tod (eines Menschen oder auch eines Haustieres) klarkommen zu müssen? Wie wird die Erinnerung an Verstorbene bei dir zuhause gehandhabt? Sprecht ihr über die verstorbene Person oder sogar mit ihr? Hängen Fotos an der Wand? Besucht ihr das Grab?

 

Es ist sehr menschlich, die Erinnerung an verstorbene Menschen (oder eben auch Haustiere), die einem zu Lebzeiten nahe standen, wach zu halten. Sie haben das eigene Leben ja stark geprägt, selbst dann, wenn es eine schmerzliche Beziehung war. Wir bewahren Fotos und Gegenstände auf, die wir eng mit dem Menschen verknüpfen. Manchmal sprechen wir mit diesen Gegenständen, als ob der Verstorbene darin wohnen würde. In der Regel gibt es eine Grabstätte. Damit geben wir dem Gedenken eine gewisse Festigkeit, (Be-)Greifbarkeit und einen Ort. Das kann sehr hilfreich sein, um das Abschiednehmen zu bewältigen. Doch wie stark das Bedürfnis ist, sich die jüngst oder schon vor langer Zeit Verstorbenen zu vergegenwärtigen, ist ebenfalls wieder sehr individuell als auch kulturell geprägt.

 


Warum schreiben wir hier auf dem Jugendserver gerade jetzt so ausführlich über Tod und Gedenken?

Zum einen, weil wir durch die Corona-Pandemie zurzeit mehr als sonst mit Krankheit, Sterben und Tod konfrontiert werden. Sei es durch Erkrankungen im eigenen Umfeld (bzw. die Befürchtung zu erkranken) oder durch die mediale Präsenz. Allein durch die Einschränkungen des Alltagslebens zur Eindämmung der Pandemie werden wir von der Gewissheit umspült, dass das menschliche Leben verletzlich und endlich ist. Damit umzugehen ist nicht leicht.
 



Und dann stehen in Deutschland gleich mehrere Gedenktage an, die den Verstorbenen gewidmet sind: die katholischen Gedenktage Allerheiligen am 1. November und Allerseelen am 2. November, das evangelische Pendant Totensonntag (immer am Sonntag vor dem ersten Adventssonntag, dieses Jahr am 22. November) sowie der staatliche Volkstrauertag, an dem an die Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft erinnert wird (am Sonntag vor Totensonntag, dieses Jahr am 15. November). Es verwundert also nicht, dass der November landläufig auch als Totenmonat bezeichnet wird.

Was genau zum Beispiel an Allerheiligen, Allerseelen (und Halloween) "gefeiert" wird und worin sich diese unterscheiden, erklärt das folgende Video:


 

An diesen speziellen Tagen werden die Friedhöfe von individuellen Gedenkorten zu öffentlichen, kollektiven Begegnungs- und Kommunikationsräumen (Kommunikation mit den Verstorbenen ebenso wie mit den Lebenden).

Man besucht nicht mehr alleine das Grab eines gestorbenen Angehörigen, zum Beispiel am Sterbedatum, sondern weitet das Gedenken auch auf andere Verstorbene aus und teilt es mit vielen anderen. (Auf dem Bild siehst du einen Friedhof in Mexiko am Fest des Día de los Muertos.)
 


Mit dem Ohlsdorfer Friedhof verfügt Hamburg übrigens über den größten Parkfriedhof der Welt. Er ist nicht nur für Grabstätten, sondern auch als Erholungsraum für die Lebenden angelegt. Manche Menschen finden es wunderschön dort. Anderen erscheint es befremdlich, unheimlich oder gar respektlos, über einen Friedhof zu spazieren und einfach nur die Natur zu genießen. Mit behaglichem Gänsehaut-Feeling wie in Gruselfilmen hat das jedoch nichts zu tun, wohl aber mit dem Trost, sich einem verstorbenen Menschen nahe zu fühlen oder eine Ruhe zu erfahren, die andere Orte nicht bieten.
 




Am Día de los Muertos (Tag der Toten) in Mexiko verwandeln sich jedes Jahr vom 31. Oktober bis zum 2. November die Friedhöfe in einigen Gegenden in reinste Blumenmeere. Nachts erstrahlen sie im Kerzenlicht. Die Gräber sind wie Altäre geschmückt, es wird gegessen, gesungen und geredet.

Und das alles nicht nur für (also in Gedenken an) die Toten, sondern mit den Toten. Denn dem indigenen mexikanischen Volksglauben nach wird in der Nacht zum 1. November die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten so durchlässig, dass die Geister der Verstorbenen sie für ein paar Stunden überschreiten und an den Freuden der Lebenden teilhaben können. Seit einigen Jahren werden zudem bunte Paraden mit Volksfestcharakter veranstaltet. Als Skelette verkleidete und geschminkte Menschen tanzen durch die Straßen, mittendrin riesige Skelett-Figuren. Schon Wochen vorher werden farbenfrohe Deko-Artikel und Süßigkeiten in Form von Totenköpfen und Skeletten zum Kauf angeboten.

 

Die Feierlichkeiten zum mexikanischen Día de los Muertos sind eine Weise von vielen, mit Trauer, der Gewissheit der Sterblichkeit und der tief in uns Menschen verankerten Angst vor dem Tod umzugehen. Das Fest, das eine Vermischung aus katholischen und vorchristlichen, indigenen Ritualen ist und zu Allerheiligen und Allerseelen gefeiert wird, ist mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Dazu beigetragen hat unter anderem der James Bond-Film Spectre. Aber sieh' selbst:
www.galileo.tv/video/dia-de-los-muertos-eine-parade-fuer-die-toten/

 


Um selbst ein wenig vom mexikanischen Totenfest zu erleben, musst du übrigens gar nicht so weit weg fahren. Das MARKK (Museum am Rothenbaum - Kulturen und Künste der Welt, ehemals Völkerkundemuseum) und der Verein Círculo Mexicano Alemán e. V. (CIMA) laden anlässlich der Feierlichkeiten zu vielen Veranstaltungen für Erwachsene und Kinder ein.
markk-hamburg.de > mexikanisches Totenfest 2020

 


Zusatzinfos:
www.religionen-entdecken.de > Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag

www.volksbund.de > Volkstrauertag

www.nationalgeographic.de >10 Dinge, die man über den Día de Muertos wissen sollte

Der folgende Clip über den Día de los Muertos ist auf englisch, aber auch die Bilder reichen schon aus, um einen Eindruck vom mexikanischen Totenfest zu bekommen, welches 2008 von der UNESCO zum immatriellen Kulturerbe gekürt wurde:


 

Text: Sabina aus der JIZ-Redaktion

Bildnachweise:
Illustration Friedhof mit Figur © InspiredImages auf Pixabay/Text hinzugefügt vom JIZ Hamburg; Schädel mit Papierschmuck © Carlos Francisco Estrada Garcidueñas auf Pixabay; gelbe Blume © Joaco Zaragoza auf Pixabay; Grabskulptur (Engel aus Metall) © Angerer/JIZ Hamburg; Papierkreuz auf Holz © congerdesign auf Pixabay; Buch ("Wo die Toten tanzen") © abfotografiert vom JIZ Hamburg; bunte Schädel-Grafik © OpenClipart-Vectors auf Pixabay; Corona-Virus © JIZ Hamburg; Grablichter © goszka auf Pixabay; mexikanischer Friedhof im Kerzenlicht © uaurora / adobe.stock.de; blühende Bäume auf Ohlsdorfer Friedhof © Mona El Falaky auf Pixabay; mexikanischer Friedhof am Tag © maqzet / adobe.stock.de; tanzende Skelett-Figuren © Babs Müller auf Pixabay; bunt bemalte Keramikschädel © Sam Brand on Unsplash; Skelett mit Hut und Blumen © Guillermo Victoria auf Pixabay

 

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